
Wenn Hilfe zu spät kommt – Noras Geschichte
3. August 2026
Wenn Hilfe zu spät kommt – Noras Geschichte
3. August 2026
Rosmarie Holtermann
Was bleibt ...
Liebe Steffi,
heute war Rosmarie Holterman bei mir zu Gast. 76 Jahre alt und voller Tatendrang. Eine Frau, bei der man sofort spürt, dass sie noch lange nicht damit abgeschlossen hat, Neues zu lernen, Dinge zu bewegen und etwas weiterzugeben. Sie möchte noch so viel erreichen in ihrem Leben, und genau das hat mich beeindruckt. Rosmarie hat mir von ihrer Geschichte als Mutter erzählt und davon, wie sich daraus irgendwann auch ihr Weg zur Therapeutin entwickelt hat. Besonders bewegt hat mich, wie sie über ihren Sohn gesprochen hat, über ADHS und Legasthenie und darüber, was das für eine Familie bedeutet. Sie hat nicht einfach hingenommen, dass manche Dinge schwieriger waren. Sie hat gesucht, gelernt, ausprobiert und verändert. Der Alltag wurde angepasst, die Ernährung, Unternehmungen, Sport. Vieles im Familienleben wurde darauf ausgerichtet, ihrem Sohn das Leben etwas leichter zu machen und ihm die Möglichkeiten zu geben, die er brauchte.
Und während ich ihr zuhörte, musste ich immer wieder an etwas anderes denken. Da war schließlich noch ein zweites Kind. Der ältere Bruder, der genauso Aufmerksamkeit brauchte und der trotzdem manchmal zurückstecken musste. Nicht, weil seine Mutter ihn weniger geliebt hätte. Ganz im Gegenteil. Rosmarie hat alles versucht, beiden gerecht zu werden. Aber manchmal kann man als Mutter wahrscheinlich noch so sehr kämpfen und trotzdem nicht verhindern, dass einer mehr Raum braucht als der andere. Vielleicht berührt mich genau diese Ehrlichkeit an ihrer Geschichte. Es gibt nicht immer die perfekte Lösung. Man kann sein Bestes geben und trotzdem im Nachhinein erkennen, dass etwas für einen anderen Menschen schwierig gewesen ist. Als Rosmarie am Ende über ihre beiden Söhne gesprochen hat, war da etwas, das man eigentlich gar nicht erklären musste. Man konnte ihr ansehen, wie stolz sie auf beide ist. Und ihre Worte an die beiden waren für mich einer dieser Momente, die bleiben.
Aus unserem Gespräch nehme ich vor allem mit, dass wir viel mehr verändern können, als wir manchmal glauben. Als Mutter, im Beruf und auch in unserem eigenen Leben. Wir können lernen, Dinge neu betrachten, Entscheidungen verändern und neue Wege ausprobieren. Dafür ist es nicht irgendwann zu spät. Manchmal braucht es dafür keinen riesigen Umbruch. Manchmal braucht es nur den ersten Schritt. Ich selbst kenne Menschen mit ADHS und Legasthenie und weiß, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen. Es gibt nicht die eine Form, nicht den einen Weg und auch nicht die eine Lösung. Jeder Mensch entwickelt seine eigenen Strategien. Manche brauchen Unterstützung, andere finden irgendwann selbst einen Weg, mit bestimmten Situationen umzugehen.
Aber dieses Gespräch hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig dabei auch das Gegenüber ist. Ob jemand hinsieht oder wegschaut. Ob jemand versucht zu verstehen, warum ein Mensch sich auf eine bestimmte Weise verhält, oder ob er ihn einfach nur danach beurteilt, dass er anders reagiert, anders lernt oder anders mit Situationen umgeht. Vielleicht entscheidet sich genau dort vieles. Nicht nur darin, wie ein Mensch mit ADHS oder Legasthenie durchs Leben geht, sondern auch darin, wie wir ihm begegnen. Ich möchte für die Menschen in meinem Leben da sein. Gerade auch für diejenigen, die vielleicht nicht in jede Vorstellung davon passen, wie jemand sein, lernen oder funktionieren sollte. Denn sie sind nicht falsch. Sie sind auf ihre eigene Art genau richtig.
Und vielleicht ist es genau das, was ich heute aus diesem Gespräch mitnehme: Wir müssen nicht immer sofort wissen, was richtig ist. Aber wir sollten bereit sein hinzusehen.
Deine Steffi

