
Zuhause ist mehr als ein Ort | Kristina Pfister
7. September 2026
Zuhause ist mehr als ein Ort | Kristina Pfister
7. September 2026
Stefanie Federspiel
Was bleibt ...
Liebe Steffi,
heute saß dir eine Frau gegenüber, die nicht nur deinen Namen trägt. Je länger ihr gesprochen habt, desto deutlicher wurde, dass euch noch etwas anderes verbindet: dieses Wissen darum, wie es sich anfühlt, Dinge mit sich selbst auszumachen. Trauer, Angst, Gefühle, die man lieber wegschiebt, weil man glaubt, sie irgendwann einfach nicht mehr spüren zu müssen.
Steffi hat dir von ihrer Kindheit erzählt. Davon, dass sie brav war, nicht aus der Rolle gefallen ist und dass Wut keinen wirklichen Platz hatte. Gefühle wurden zurückgehalten, angepasst und irgendwie weggeschoben. Und dann wurde sie selbst Mutter. Mit einem ziemlich klaren Bild im Kopf, wie eine gute Mutter sein sollte. Vielleicht sogar, wie eine perfekte Mutter sein sollte. Sie wollte es richtig machen und musste irgendwann feststellen, dass das Leben sich an solche Pläne nicht hält. Sie sagte, dass man auf vieles vorbereitet wird, wenn ein Kind kommt, aber kaum jemand darauf vorbereitet wird, was dieses Kind mit den eigenen Gefühlen macht. Was plötzlich wieder hochkommt. Welche alten Themen wieder auftauchen. Welche Seiten in einem selbst sichtbar werden, von denen man dachte, sie längst hinter sich gelassen zu haben.
Genau das hat dich beschäftigt. Weil wir unsere Kindheit eben nicht einfach irgendwann abschließen und in eine Schublade legen. Manches läuft lange neben uns her und zeigt sich erst dann wieder, wenn wir selbst Verantwortung übernehmen, wenn wir lieben, wenn wir Angst bekommen oder wenn ein anderer Mensch etwas in uns berührt, das viel älter ist als der eigentliche Moment. Heute arbeitet Steffi mit Eltern genau an diesen Punkten. Sie zeigt andere Sichtweisen, sucht gemeinsam nach Lösungen und sagt ganz bewusst, dass sie ihre Kinder nicht einfach erzieht. Es geht ihr vielmehr darum, Wege zu finden, mit denen Eltern und Kinder besser miteinander leben können. Nicht perfekt, sondern bewusster und ehrlicher.
Dann war da ihre Angst. Diese schweren Angstzustände und dieses Gefühl, an Dingen sterben zu können, die für andere vielleicht völlig harmlos erscheinen. Und dahinter steht auch der Tod ihres Bruders, als sie 25 Jahre alt war. Sie hat damals nicht wirklich getrauert, sondern vieles weggeschoben und weitergemacht. Heute weiß sie, dass das nichts beendet hat. Und auch da hast du dich wiedergefunden. Auch du kennst dieses Gefühl, Trauer beiseite schieben zu wollen. Vielleicht, weil der Alltag weitergeht. Vielleicht, weil man funktionieren will oder muss. Aber Trauer hält sich nicht daran. Sie kommt wieder. Manchmal leise, manchmal Jahre später und manchmal genau dann, wenn man überhaupt nicht mit ihr gerechnet hat.
Vielleicht war dieses Gespräch deshalb mehr als nur eine weitere Aufnahme. Weil da eine Frau saß, die viele Dinge anders erlebt hat als du und dir in anderen Punkten trotzdem sehr nah war. Und trotz all der schweren Themen gab es auch diese Momente, in denen ihr lachen konntet. Zum Beispiel bei der Feststellung, dass Kinder und Hunde manchmal erstaunliche Parallelen haben. Stubenrein müssen am Ende schließlich beide werden. Vielleicht braucht es genau solche Momente. Ein Gespräch darf schwer sein und trotzdem leicht werden. Man darf über Angst, Verlust und die eigene Kindheit sprechen und zwischendrin trotzdem lachen.
Was bei dir hängen geblieben ist, ist dieser Gedanke, dass wir uns selbst viel zu oft danach beurteilen, ob wir dem Bild entsprechen, das wir irgendwann einmal von uns hatten. Die perfekte Mutter. Die starke Frau. Das brave Kind. Diejenige, die alles alleine schafft. Aber vielleicht ist die viel wichtigere Frage, wer wir geworden sind, nachdem das Leben beschlossen hat, sich nicht an unseren Plan zu halten.
Steffi hat auf diese Frage ihre eigene Antwort gefunden. Und vielleicht gibt dieses Gespräch auch anderen Eltern die Möglichkeit, sich selbst, ihre Kinder und ihre eigene Geschichte ein kleines Stück anders zu sehen. Keine fertige Lösung und keine Anleitung für ein perfektes Familienleben. Aber vielleicht einen Gedanken, der etwas verändert.
Und manchmal ist genau das schon sehr viel.
Deine Steffi
